Eine Customer Journey Map ist an einem Nachmittag gezeichnet. Genau das ist das Problem.

Was dabei entsteht, sieht aus wie eine Messung und ist eine Vermutung. Fünf Kästchen von links nach rechts, Pfeile dazwischen, unten die Kanäle. Alle im Raum nicken, weil alle dieselbe Geschichte im Kopf haben: Die Leute sehen uns, finden uns gut, fragen an.

Dass Kaufentscheidungen nicht so verlaufen, ist untersucht: Alistair Rennie und Jonny Protheroe fanden 2020 für Googles Consumer-Insights-Team eine Schleife aus Erkunden und Bewerten statt einer Linie («Decoding Decisions: Making Sense of the Messy Middle», 2020). Was daraus für die eigene Arbeit folgt, steht im Beitrag zum Marketing Funnel.

Hier geht es um die andere Richtung: nicht um deinen Prozess, sondern um den Weg der Leute davor. Und vor allem darum, wie du diesen Weg herausfindest, statt ihn zu zeichnen.

Die meisten Karten beschreiben die eigene Firma

Der Fehler passiert früh und fällt nie auf, weil das Ergebnis plausibel aussieht.

Eine Runde setzt sich zusammen und beschreibt, wie ein Kunde zu ihnen kommt. Herauskommt der Weg, den sich der Betrieb wünscht: über die Startseite, weiter zur Leistungsseite, dann zum Formular. Sauber, kurz, in einer Sitzung.

Echte Wege sehen anders aus. Sie enthalten Umwege, Pausen von zwei Wochen, eine zweite Meinung von aussen und mindestens einen Schritt, der ganz ohne dich stattfindet.

Der Unterschied ist nicht akademisch. Eine Karte aus Annahmen führt zu Massnahmen gegen Probleme, die niemand hat.

Was auf einer brauchbaren Karte steht

Eine Customer Journey Map ist kein Bild des Weges. Sie ist eine Liste der Stellen, an denen Leute aussteigen – und der Fragen, die dort offen bleiben.

Das ist eine völlig andere Aufgabe. Ein Bild will vollständig sein. Eine Liste will nützlich sein.

Deshalb scheitert Customer Journey Mapping meistens nicht an der falschen Karte, sondern an der zu schönen. Wer jede denkbare Interaktion in ein Diagramm zeichnet, bekommt eine Wand voller Post-its und keine einzige Entscheidung.

Drei bis fünf Ausstiegsstellen, die du belegen kannst, sind mehr wert als vierzig, die du vermutest.

Die Berührungspunkte, die dir nicht gehören

Beim Inventar der Touchpoints listen die meisten Betriebe auf, was sie besitzen: Website, Newsletter, Landingpages, Anzeigen, Social Media.

Die Stellen, an denen Entscheidungen kippen, liegen aber oft ausserhalb davon.

Eine Bewertung, die jemand liest, ohne dass du es merkst. Ein Vergleich auf einer fremden Seite. Der Anruf bei einem Bekannten aus derselben Branche. Eine KI-Antwort, die deinen Namen nennt – oder eben nicht.

Diese Punkte kannst du nicht steuern. Du kannst sie aber kennen und dafür sorgen, dass das, was dort zu finden ist, stimmt. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Karte, die nur deine Kanäle enthält, und einer, die den Weg beschreibt.

Woher die Daten kommen: drei Quellen, die schon laufen

Für eine belastbare Customer Journey Analyse brauchst du kein Marktforschungsbudget. Du brauchst drei Quellen, die in fast jedem Betrieb bereits mitlaufen – und die Bereitschaft, sie gegeneinander zu lesen.

Die Search Console kennt die Frage vor dem ersten Kontakt

Sie ist gratis und die einzige Quelle, die den genauen Wortlaut zeigt, mit dem Leute ankommen.

Interessant sind nicht die Suchanfragen mit vielen Klicks. Interessant sind die mit vielen Einblendungen und wenigen Klicks – und zwar als eigene Ausstiegsstelle, vor der Website.

Denn eine Einblendung heisst weder, dass jemand deine Seite besucht hat, noch dass er deinen Eintrag überhaupt angesehen hat. Google zählt sie, sobald der Eintrag auf der geladenen Ergebnisseite steht – unabhängig davon, ob er je ins Sichtfeld gescrollt wurde (Search-Console-Hilfe, Leistungsbericht). Gezählt wird ausgeliefert, nicht gelesen.

Das ordnet die Ursachen. Wer nicht klickt, hat den Eintrag im besten Fall gesehen – Titel, Beschreibung, Position – im schlechteren nie so weit gescrollt. Prüfe deshalb zuerst die Position, dann den Wortlaut.

Der Seitentext ist dabei nicht aus dem Spiel – im Gegenteil. Google baut die angezeigte Beschreibung überwiegend aus dem Seiteninhalt selbst (Google Search Central zu Snippets). Ein Text, der die Frage nicht früh und klar beantwortet, liefert auch keinen überzeugenden Auszug.

Das ist die billigste Stelle auf der ganzen Karte: Ein Titel ist in fünf Minuten geändert – die günstigste Suchmaschinenoptimierung, die es gibt.

Nur ist die Wirkung weniger sauber ablesbar, als es klingt. Google schreibt Titel gelegentlich selbst um, die Position kann sich mitbewegen, und bis neu erfasst wird, vergehen Tage bis Wochen. Vergleiche deshalb erst, wenn die Position ungefähr gleich geblieben ist – sonst misst du die Position und nicht den Titel.

Analytics zeigt, wo der Weg abbricht

Welche Seiten aufgerufen werden und wo der Besuch endet, zeigt jede Standardinstallation.

Der Formularabbruch gehört nicht dazu. Die erweiterte Messung von GA4 erfasst ohne Zutun, dass jemand ein Formular begonnen und abgeschickt hat – `form_start` und `form_submit`, dazu Scrolltiefe, ausgehende Klicks und Downloads. Welche Stufe dazwischen liegen bleibt, sagt sie nicht: Dafür braucht jede Stufe ein eigenes Ereignis (Google-Analytics-Hilfe zur erweiterten Messung). Das ist der einzige Punkt in dieser Liste, der einmal Einbauarbeit kostet statt nur Nachsehen – und er lohnt sich, weil der Abbruch im Formular die teuerste Ausstiegsstelle überhaupt ist.

Wichtig ist die Reihenfolge: erst die Absprungstelle finden, dann nach dem Grund suchen. Welche Kennzahlen für ein KMU überhaupt taugen, steht im Beitrag zu Google Analytics 4.

Das Erstgespräch zeigt, was kein Werkzeug sieht

Frag am Anfang jedes Erstgesprächs, wie die Person auf dich gekommen ist – und notiere die Antwort unverändert, nicht in Kategorien sortiert.

Zwanzig solche Antworten sagen mehr über den Weg als jedes Attributionsmodell. Sie enthalten, was keine Software erfasst: Empfehlungen, Gespräche an Anlässen, einen Beitrag, den jemand vor einem Jahr gelesen hat.

Dazu kommen die Leute im Betrieb, die täglich mit Kunden sprechen. Sie kennen die immer gleichen Einwände auswendig. Das ist eine Datenquelle, kein Bauchgefühl.

Der Fehler, der alle drei entwertet

Jede Quelle einzeln anzuschauen und daraus je eine Massnahme abzuleiten.

Der Erkenntnisgewinn liegt im Widerspruch: wenn die Search Console eine Frage zeigt, die auf der Website nirgends beantwortet wird. Oder wenn im Verkaufsgespräch dauernd ein Einwand kommt, den die Zahlen gar nicht hergeben.

Die Fragen, die auf der Karte stehen müssen

Für jede Stelle gilt dieselbe Prüfung: Welche Frage hat die Person hier – und beantwortet irgendetwas sie?

Drei davon entscheiden bei Dienstleistungen fast immer.

«Ist das für einen Betrieb wie meinen?»

Die Frage hinter jeder Leistungsseite. Wer sie nicht beantwortet, verliert Leute, die passen würden, weil sie sich nicht angesprochen fühlen. Referenzen aus der eigenen Grössenordnung beantworten sie schneller als jede Beschreibung – dafür sind Projekte da.

«Warum sollte ich euch glauben?»

Hier entscheidet sich mehr als auf jeder Werbeanzeige. Was trägt, sind Namen, Zahlen, Gesichter und nachprüfbare Angaben. Was nicht trägt, sind Eigenschaftswörter.

«Was passiert, wenn ich anfrage?»

Die teuerste unbeantwortete Frage überhaupt. Wer nicht weiss, ob nach dem Absenden ein Verkaufsgespräch, ein Angebot oder eine Preisliste folgt, sendet im Zweifel nicht ab.

Diese drei Fragen sind der Grund, warum die Website in fast jeder Analyse als wichtigster Punkt herauskommt: Sie ist die einzige Stelle, an der du alle drei gleichzeitig beantworten kannst.

Von der Karte zur Entscheidung: drei Muster

Eine fertige Karte nützt erst, wenn daraus eine Massnahme wird. Drei Muster kommen so häufig vor, dass sich die Diagnose fast immer daran aufhängen lässt.

Viele Besucher, wenige Anfragen. Der Weg zur Seite funktioniert, die Seite nicht. Prüfe zuerst, ob sie die Frage beantwortet, mit der die Leute ankommen. Die häufigsten Ursachen stehen im Beitrag dazu, warum eine Website keine Kunden bringt.

Viele Aufrufe der Leistungsseite, keine Anfrage. Es fehlen Belege, nicht Argumente. Das ist ein Nachweisproblem – und woran eine conversionstarke Website sonst noch hängt, ist ein eigenes Thema.

Viele Anfragen, wenige Aufträge. Der Reflex ist, sofort auf Angebot oder Preis zu zeigen – und der greift zu kurz. Zu breit ausgerichtete Anzeigen, eine Suchabsicht, die nicht zum Angebot passt, oder eine Seite, die mehr verspricht als die Leistung hält, erzeugen genau dieses Bild: viele Anfragen, die nie hätten passen können. Prüfe deshalb zuerst, woher die Anfragen kommen und ob sie zum Angebot passen; erst danach Preis, Angebot und Nachfassen. Beides geht ohne Software: Die Herkunft steht in der Antwort aus dem Erstgespräch, die Passung in deinen eigenen Notizen. Ein CRM macht daraus eine Historie, die sich bis zum unterschriebenen Auftrag zurückrechnen lässt – Voraussetzung für den ersten Befund ist es nicht. Welche Übergabe an den Verkauf sich lohnt zu automatisieren, steht im Beitrag zur Marketing Automation für KMU.

Der Unterschied zwischen diesen drei Fällen ist der Unterschied zwischen einer sinnvollen Massnahme und einem teuren Umbau am falschen Ort.

Eine Stelle, dann nachmessen

Der Reflex nach der ersten Analyse ist, überall gleichzeitig etwas zu verbessern. Das ist der sicherste Weg, hinterher nichts zu wissen.

Wer an fünf Stellen gleichzeitig ändert und danach mehr Anfragen hat, weiss nicht, welche der fünf es war. Beim nächsten Mal beginnt die Suche wieder bei null.

Nimm die eine Stelle mit dem grössten Verlust. Ändere dort. Warte vier Wochen. Dann die nächste.

Das ist langsamer, als es sich anfühlt – und schneller, als es tatsächlich ist.

Eine Karte hat ein Verfallsdatum

Suchverhalten verschiebt sich, Kanäle kommen dazu, KI-Antworten stehen heute an Stellen, an denen vor zwei Jahren eine Ergebnisliste stand.

Eine Karte, die zwei Jahre alt ist, beschreibt deshalb einen Weg, den es so nicht mehr gibt. Einmal im Jahr gegenlesen genügt für die meisten Betriebe, solange die drei Datenquellen laufend mitlaufen.

Wie sich dieser Weg gerade verändert, steht im Beitrag zur Zukunft der Google-Suche.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Customer Journey und Marketing Funnel?

Die Customer Journey beschreibt den Weg aus Sicht der Kundschaft, der Funnel die eigene Arbeit dahinter. Beide beschreiben dieselbe Strecke von zwei Seiten – der Marketing Funnel ordnet deine Aufgaben, die Journey ordnet die Fragen der Leute.

Wie lange dauert ein Customer Journey Mapping?

Die Karte selbst ist an einem Tag gezeichnet. Den Takt gibt die Datensammlung vor, nicht der Kalender: Search Console und Analytics liefern sofort, die Gesprächsantworten brauchen so lange, wie du für rund zwanzig Erstgespräche brauchst. Bei fünf Gesprächen pro Woche sind das vier Wochen; bei einem pro Woche fängst du besser mit zehn an und ergänzt laufend. Die Reihenfolge ist wichtiger als das Tempo.

Braucht ein KMU dafür eine Software?

Nein. Search Console, Analytics und notierte Gesprächsantworten reichen für die erste Karte. Eine Software wird erst nötig, wenn du Anfragen bis zum unterschriebenen Auftrag zurückverfolgen willst.

Wie viele Touchpoints gehören auf die Karte?

So viele, wie du belegen kannst. Eine Karte mit fünf belegten Punkten ist brauchbar, eine mit dreissig vermuteten nicht.

Fazit

Der Reflex bei zu wenig Anfragen ist, den Druck zu erhöhen: mehr Kanäle, mehr Budget, mehr Beiträge.

Die Kundenreise zu kennen führt fast immer zum Gegenteil. Weniger Stellen, dafür die richtigen. Wer weiss, wo Leute aussteigen und welche Frage sie dort haben, braucht keine fünf neuen Kanäle, sondern eine gute Antwort an einer bekannten Stelle. Genau darum dreht sich ALPENIQ Growth.

Gutes Marketing beginnt nicht bei der Anzeige. Es beginnt bei der Frage, die jemand im Kopf hat, bevor dein Name überhaupt fällt.